Irritables Colon

Hallo zusammen,

habe im Focus einen guten Artikel über RDS/IC/Reizdarm gefunden und möchte diesen hier nicht vorenthalten.

Wer daran leidet, plant sein Leben so, dass immer die nächste Toilette in Reichweite ist: Der Reizdarm, medizinisch irritables Colon oder Reizdarm-Syndrom (RDS) genannt, ist zum Glück keine schwere Erkrankung. Ihre Auswirkungen aber sabotieren die Lebensqualität.

Falsche Nervensignale zwischen Darm und Hirn sind die Ursache für die Beschwerden. Betroffen sind vor allem sensible Menschen. Darmexperte Peter Layer erklärt die Ursachen und berichtet über neue Therapien des Reizdarms.

Durchfall, Krämpfe, Blähungen und Verstopfung sind typische, sich abwechselnde Symptome eines Reizdarms. Betroffene klagen darüber, dass die Verdauung ihren Tagesablauf diktiert. Reisen, lange Autofahrten oder Restaurantbesuche sind für sie tabu. Stress verschlimmert die Beschwerden. Zehn bis 15 Prozent aller Menschen in der westlichen Welt sind betroffen, erklärt Peter Layer, Chefarzt am Israelitischen Krankenhaus Hamburg.

Die Darmprobleme nicht aller Betroffener sind derart ausgeprägt, dass sie zum Arzt gehen. Nur etwa ein Drittel aller RDS-Patienten leidet unter besonders starken Beschwerden. Die meisten leben mit weitaus erträglicheren Symptomen, die nur hin und wieder auftreten. Für diejenigen mit einem ausgeprägten RDS ist das jedoch kein Trost. Die Erkrankung ist chronisch und bis heute unheilbar. Nur die Auswirkungen lassen sich lindern. Besonders fatal: Weil keine organischen Ursachen auf das RDS hinweisen, haben Ärzte es schwer, eine Diagnose zu finden. Das ist auch der Grund, aus dem die Umwelt viele Betroffene als Hypochonder abstempelt.

Doch RDS-Patienten dürfen hoffen: Neue Erfolg versprechende Wirkstoffe sind in der Entwicklung. Und es gibt den Trost, dass die Betroffenen ein bisschen länger leben als der Durchschnitt der Bevölkerung, so die Statistik, verrät der Experte für Darmerkrankungen. Die Ursache: Menschen mit diesem Leiden leben wesentlich gesünder als der Durchschnitt. Sie hören mehr auf ihren Körper, ernähren sich bewusster und nutzen die Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge konsequenter – gehen also z. B. regelmäßig zur Krebsvorsorge.

Die Betroffenen teilen sich in mehrere Gruppen, erklärt Peter Layer, Chefarzt am Israelitischen Krankenhaus Hamburg. Eine wichtige Gruppe besteht aus Menschen, die eine ganz bestimmte Persönlichkeitsstruktur haben. Oft sind es Menschen, deren Eltern ein RDS haben. So lernen sie nach deren Vorbild bereits als Kinder, Probleme sozusagen in den Bauch zu projizieren.

Zwillingsstudien zeigen, dass es außerdem eine genetische Veranlagung geben muss. Schon in der Kindheit, spätestens in der Jugend stellen sich dann die typischen Beschwerden ein, die sie oft ein Leben lang begleiten. Meistens haben diese Betroffenen auch noch andere psychosomatische Beschwerden: Kopf- und Kreuzschmerzen, eine Reizblase, Schlaf- und Sexualstörungen. Sie sind, einfach ausgedrückt, empfindlicher als andere, stellt der Darmexperte fest.

Eine andere Gruppe bekommt das RDS erst etwas später: Meist tritt das RDS im Anschluss an eine Darminfektion oder nach Antibiotika-Einnahme auf. Sowohl die Krankheitserreger als auch die Wirkstoffe dieser Medikamente können die Darmflora und das Immunsystem des Darms verändern. Die Folge: Reizdarm-Syndrom.

Neue Studien zeigen, dass alle Patienten eine gestörte Darmmotorik haben. Diese Fehlfunktion führt zu Blähungen, Krämpfen, Durchfall oder Verstopfung. Verantwortlich dafür: Koordinationsstörungen im Bauchhirn, dem enterischen Nervensystem, das alle Verdauungsfunktionen steuert. Dadurch gerät die Darmmotorik außer Takt. Die Signalübermittlung zwischen Nerven und Darmmuskeln ist also fehlerhaft.

Die exakte Ursache dafür kennt man noch nicht. Zusätzlich reagieren RDS-Patienten äußerst empfindlich auf Dehnungsreize, die während der Verdauung auf den Darm wirken. Gesunde Menschen nehmen diese normalen Verdauungsvorgänge gar nicht wahr. Reizdarm-Patienten empfinden sie jedoch zum Teil als Schmerzen. Je ballaststoffreicher und damit schwer verdaulicher die Kost ist, desto schlimmer werden die Beschwerden. Denn jede Mehrarbeit für den Darm bedeutet auch mehr Dehnungsreiz und damit intensive Schmerzen.

Für die Diagnose ist die Anamnese ausschlaggebend, erklärt Peter Layer. Der Betroffene berichtet über seine Beschwerden, wann und wie sie auftreten. Oft kann der Arzt auf Grund dieser Berichte bereits die Diagnose Reizdarm stellen.

Trotzdem führen wir immer noch Blutuntersuchung, Ultraschall und Darmspiegelung durch, um Darmkrebs auszuschließen, so der Experte.

Denn das wechselnde Stuhlverhalten für Reizdarm typisch gilt auch als Alarmsignal für Darmkrebs. Deswegen sind die meisten Patienten nach den Untersuchungen erleichtert, wenn sie hören, dass sie keinen Darmkrebs haben, sondern nur ein RDS.

Sind die Beschwerden besonders ausgeprägt, rät der Experte zu Medikamenten. Die Behandlung richtet sich dabei nach den fünf unterschiedlichen Beschwerdegruppen: Schmerzen, Verstopfung, Durchfall, Blähungen und psychische Probleme, also Stress.

Gegen die Schmerzen setzen wir Krampflöser, etwa Mebeverin, mitunter auch Butylscopolamin ein. Verstopfung behandeln wir mit PEG-Elektrolyt-Lösungen und Tegaserod. Das regt die Peristaltik an und verbessert ihre Koordination. Gegen Durchfall verwenden wir Loperamid. Dieser Wirkstoff bremst die Darmbewegung.

Blähungen sind stark von der Ernährung abhängig. Stark blähende Nahrungsmittel müssen die Patienten also meiden. Zusätzlich helfen entschäumende Medikamente.

Ist die Psyche beteiligt, sind eine entsprechende Therapie und sorgfältige Zuwendung durch den Arzt oft sehr erfolgreich. Programme zur Stressbewältigung, etwa Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training oder Tropho-Training haben sich bewährt.

Große Hoffnungen setzen wir auf die Entwicklung eines Medikaments mit dem Wirkstoff Cilansetron, das sich derzeit noch in der Testphase befindet. Der Experte rechnet damit, dass es noch in diesem Jahr auf den Markt kommen könnte. Es kann die gestörte Koordination im Darm durch eine gezielte Beeinflussung des Darm-Hirns wieder richtig takten. Diese Substanz wirkt auch gegen Durchfall.

Doch nicht immer ist die Schulmedizin gefragt. Patienten mit leichteren Beschwerden helfen auch rezeptfreie Mittel auf Basis von Heilkräutern. Hier haben sich Pfefferminze, Kümmel, Anis oder Fenchel bewährt. Die Wirkstoffe dieser Phytotherapeutika entkrampfen, entblähen und machen so auf sanfte Weise die Verdauung wieder stabil.

Ein sanfter Weg ist auch die Kur. Viele RDS-Patienten profitieren von einer psychosomatischen Rehabilitationsmaßnahme. Vor allem Ernährung und psychische Therapien, dabei der positive Umgang mit Stress, stehen im Vordergrund. Die Betroffenen lernen, sich wieder ausgewogener zu ernähren. Denn aus Angst vor den Folgen im Darm essen manche viel zu einseitig.

Sie meiden grundsätzlich Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Hier beginnt die Kur mit Schonkost, etwa Schleimsuppe, Zwieback und Tee. Nach und nach bekommen die Patienten dann Vollwertkost. So kann man austesten, welche Lebensmittel tatsächlich Beschwerden verursachen und welche nicht.

Meistens sind es Kohlgemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse, Hefe, Stein- und Beerenobst, die den Reizdarm wecken. Andere vollwertige Lebensmittel, etwa Äpfel, Birnen, Bananen, Reis, Kartoffeln und Sauermilchprodukte akzeptiert er ohne Probleme.

Ärzte und Ernährungsberater stellen dementsprechend einen individuellen, ausgewogenen Speiseplan auf. Oft gelingt es damit, die Medikamente zu reduzieren und trotz Reizdarm die Lebensqualität zu steigern.

greetz
calimero

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